Das Jahr 2015
«südlichT»

Schon mehr als drei Jahre sind wir im Ai Faii – aus dem Tessiner Dialekt übersetzt «Bei den Buchen» – im urtümlichen, wilden Val Colla. Da gefällt es uns, da fühlen wir uns wohl und daheim.

Unsere Tage sind erfüllt, ausgefüllt, es sind Tage der Fülle. Sie sind voll – manchmal ein Bisschen zu voll... Das Jahr 2015 war erfüllt von Licht, Sonne und Hitze, von Sommerhitze, nein, von Heuhitze. Traumhafter hätte das Heuen nicht sein können – heiss, trocken und sonnig mit einer super squadra – fleissig und fröhlich.

Viel Heu hat’s gegeben, soviel wie meine Viecher gar nicht fressen können – oder doch? Bis das Gras wieder zu wachsen beginnt, dauert’s noch ein Weilchen. In unserem Heu, da ist die ganze Sommer-Sonnenkraft drin und wie es duftet! Wellen von Bergthymian und Beifuss kommen auf mich zu, Wogen von (Ge)Ruchgras und Schafgarbe. Draussen ist es dunkel und kalt – ich steige in den Heustock – der Sommer ist da – nullkommaplötzlich – mitten im Winter – mir wird’s warm ums Herz. Oh, wie sich die Geissen, Schafe und Esel gerne daran satt fressen.

An Lichtmess kam das erste Gitzi zur Welt – schwups di wups – in einer Viertelstunde war es da. Mit Stroh abgerieben, von der Mama abgeleckt und schon musste ich mit meinem Schaf Carlina los zur Metzg. So nahe sind Leben und Tod beisammen – untrennbar miteinander verbunden – das eine entsteht aus dem anderen. Manchmal schwierig zu verstehen, aber es macht unser Dasein vollkommen. Auf Carlinas Fell sind nun Katharina und Alexandra – meine Nichten, am 13. September geboren – warm und weich gebettet. Bis Mitte März sind noch fünf weitere gesunde Gitzis geboren – alles Männlein!

Dafür kam ein weibliches Lämmlein zur Welt – nach zwei Wochen war es verwaist – die Mutter starb an Schwäche und gab keinen Tropfen Milch. Also habe ich Pünktli acht Wochen lang geschöppelet. Kugelrund und fit und munter war’s, keck und aufgeweckt; bis es nach vier Monaten eines Morgens tot auf der Weide lag. Weshalb musste Pünktli sterben? Die Erinnerung an dieses lustige Tierlein bleibt – für immer.

Jeweils im April werden meine Engadiner Schafe geschoren – das macht ein professioneller Schafscherer, der durchs ganze Tessin reist. Anfangs Januar habe ich die Wolle draussen an der Sonne gewaschen – barfuss – und dann zum Karden eingeschickt. Eine wunderschöne, rotbraune Wolle kam zurück – ideal zum Filzen und Spinnen.

Christine führte mich in die Kunst des Filzens ein – es entstand eine schlichte Hirtentasche. Immer wieder tun sich in unserem Bauernleben neue Welten auf: die Welt des Filzens, die Welt der Käseherstellung, die Welt des Wurstens, Kräuterwelten...

Seit Ende Juli 2014 ist Jo-Ruba bei uns, ein Wirbelwind einer Portugiesischen Hirtenhündin. Sie bereitet uns so viel Freude! Sie ist immer fröhlich und zu Spässen aufgelegt. Kurzum: Sie ist immer gut drauf!

Es gibt nichts Schöneres als im Kupferkessi auf dem Herdli über dem Feuer aus meiner Geissenmilch die erste Formaggella zu rühren. Käsen ist Meditation am Feuer. Diesen während zwei Monaten gereiften Käselaib anzuschneiden und zu kosten, ist pure Freude.

Die Eselschar ist nun komplett: Im Mai traf die dritte im Bunde ein: Monti, die kleine, freche Renneselin aus dem Domleschg, die sogleich die Führung übernahm. Esel sind faszinierend und unerschrocken!

Im Juli verbrachte eine fünfköpfige Familie zehn Prachtstage in unserem rustico di vacanze. Lorin will Bio-Bergbauer werden, also hat sich Familie Maurer entschieden, während diesen Tagen wie Bergbauern zu leben. Gemeinsam besuchten wir die Ziegen auf der Alp, gingen mit den Eseln spazieren, beringten die Küken, machten Heu, brachten den Schafen Wasser, rührten eine Ringelblumensalbe, machten Kräutersirup, bauten einen Weg zum Fluss. Die Kinder spielten fürs Leben gerne mit Jo-Ruba – und sie mit ihnen. Bei den Bergbäuerinnen da läuft was! Das Bergbauernleben macht Spass – 10 Tage lachende und fröhliche Gesichter. Auch ein halbes Jahr später möchte Lorin immer noch Bio-Bergbauer werden.

Unsere Geissen waren noch nie solange auf der Alp wie dieses Jahr. Sieben Monate waren sie auf der Alpe Corte Certara und kamen erst am 22. November wieder herunter. Der Alpsommer hat ihnen gut getan – und wie! Einen Monat verbrachten sie noch auf der Weide «alla chiesa» über dem Dorf Colla, an einem der schönsten Plätze im Tal mit einer atemberaubenden Sicht aufs Tal, die Denti della Vecchia und gegen Italien! Diese Fläche, fast eine Hektare, konnten wir von der Gemeinde Lugano pachten und sind sie nun zusammen mit den Geissen am Entbuschen. Da war alles von meterhohen Brombeerranken überwuchert, von Eschen, Birklein und Ginster – Knochenarbeit.

Ostergitzi haben grosse Tradition im Tessin. Das bedeutet, dass männliche Gitzis nach sechs bis acht Wochen geschlachtet werden. Das bringe ich nicht übers Herz, so dass meine Gitzis acht wunderschöne Monate geniessen konnten, bei der Mutter draussen auf der Weide und dann sieben Monate auf der Alp. Von dort ging’s direkt zur Schlachtung. Fabrizio, der Metzger im Tal, tötet mir die Tiere, ich begleite sie dabei. Zusammen nehmen wir sie aus, zerlegen und vakuumieren die Fleischstücke. Sogleich bringe ich das Fleisch auf die Post. Viele zufriedene Kundinnen und Kunden genossen das Fleisch. Fleisch von gealpten Gitzis, das ist Fleisch aus artgerechter, natürlicher Tierhaltung; das ist ein hochwertiges Naturprodukt. Hinter diesem Produkt stehe ich und es fällt mir leichter, mit dem Thema Schlachten und Fleischproduktion umzugehen, obwohl es für mich als Bergbäuerin etwas vom Schwierigsten ist – nach wie vor!

Nur Rinder, Schafe und Geissen, neben Eseln und Pferden, sind in der Lage, (Alp-)Gras in die wertvollen Produkte Milch und Fleisch umzuwandeln – eine geniale Einrichtung der Natur fürs Gras- und Bergland Schweiz. In der Schweiz gibt es 465'000 Hektaren Sömmerungsweiden (Alpweiden). Dies entspricht einem Drittel der landwirtschaftlich genutzten Fläche oder 1/9 der Landesfläche.

 

Ein kleiner Exkurs:

Die Alpwirtschaft erfüllt vielfältige Funktionen und trägt viel zur Multifunktionalität der Landwirtschaft bei. Bedeutend sind insbesondere die Alpweiden, die ein herausragendes Element der Kulturlandschaft bilden. In den alpinen Regionen der Schweiz stellt die Alpwirtschaft einen wichtigen Teil der regionalen Wirtschaft und der Gesellschaft dar. Die Bedeutung der Alpwirtschaft geht weit über die Landwirtschaft hinaus, indem indirekt der Tourismus, die Artenvielfalt und auch die Energiewirtschaft von der Nutzung und Bewirtschaftung der Alpweiden profitieren.

 

Im Herbst kamen drei Pommernenten zu uns, ein Erpel mit seinen zwei Damen. Die Pommernente ist einer der letzten Vertreter des Landenten-Typs in Europa. Rar und hübsch sind sie mit einem weissen Brustlatz. Roger und Daniel haben ihnen zwei Teiche gebaut, da sind sie in ihrem Element. Mit ihrem leisen Geschnatter und ihrer Wasserfreude bereichern sie unser Heimetli.

Die Kakibäume leuchteten orange, so «prägelet» voll waren sie von der göttlichen Speise. Von sechs Bäumen konnte ich die Früchte ernten – niemand hätte sie sonst geerntet! Ich liebe es Kakis zu ernten mit ständigem Blick ins Himmelsblau! Bis in den Januar war ich mit den Kakis beschäftigt: pflücken, dörren auf dem Kachelofen, Mus zu Konfi einkochen – auf dem Holzherdli nota bene – aromatisiert mit Sanddorn oder Orange und Vanille.

Anlässlich eines Kurses fragte mich eine Journalistin: «Was produzierst Du?» – Die Frage brachte mich in Verlegenheit; ich fühlte mich in die Enge getrieben. «Was produziere ich?» Überlegte ich. Käse habe ich hergestellt, fünf Gitzis vermarktet, die Hühner legen fleissig Eier, die ich in der Umgebung verkaufe. Von den Engadiner Schafen gab’s wunderschöne Wolle. Wir produzieren Landschaftsqualität, wir gewinnen Wiesen und Weiden zurück, die sich der Wald einverleiben möchte. Und dann kommt mir das Wichtigste in den Sinn: FREUDE produzieren wir, ja, FREUDE, das ist es: Freude an unserem Tun, frohe Tiere, lachende Kinder, heitere (erwachsene) Gäste begleiten uns durchs Jahr.

Grosse Freude hatte ich auch am Weihnachtsmarkt Mitte Dezember auf dem Haldenhof in Urnäsch. Das waren drei rundum gelungene Tage mit lauter fröhlichen Menschen!

GRAZIE MILLE an all unsere fleissigen Helferinnen und Helfer, die uns in diesem Jahr unterstützt haben: Beim Heuen und Bäume fällen, beim Bau von Kaihüttenbetten, Wegen, Treppen und Tierunterstand, beim Büschele, beim Weidenputzen und beim Pflanzen einer Wildobsthecke.

Bald ist Lichtmess, es wieder heller; bald beginnt es wieder zu grünen.

Es ist eine Kraft aus der Ewigkeit und diese Kraft ist grün!

Die «Grüne Kraft» gibt uns Vertrauen und Hoffnung, sie erneuert sich immer wieder, stärkt und heilt uns.